Standpunkt

Pell-Aufsatz zeigt Arroganz mancher Kleriker

Veröffentlicht am 17.01.2023 um 00:01 Uhr – Lesedauer: 

Bonn ‐ Der weltweite synodale Prozess ein "toxischer Alptraum"? Kardinal George Pell sah das so. Sein posthum veröffentlichter Text sagt mehr über den Kardinal selbst als über den Konsultationsprozess aus, kommentiert Christoph Brüwer.

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"Was soll man von diesem Potpourri, diesem Ausfluss des guten Willens des New Age halten?", ätzte Kardinal George Pell kurz vor seinem Tod in einem posthum erschienenen Aufsatz über das Arbeitspapier des weltweiten Synodalen Prozesses. Es sei "in neomarxistischem Jargon verpackt", "feindselig gegenüber der apostolischen Tradition" und "einer der inkohärentesten Texte, der je aus Rom verschickt wurde". Das ganze Projekt verurteilte er als "toxischen Alptraum". Und Pell ist nicht der einzige Kirchenvertreter, der vernichtende Kritik am Herzensprojekt von Papst Franziskus übt.

Solche klerikalen Wortmeldungen aus kurialen Kämmerlein zeigen eine arrogante Haltung gegenüber dem, was vor allem Laien aus aller Welt über ihren Glauben und ihre Auffassung kirchlicher Moral und Lehre mitteilen – gerade dann, wenn diese nicht in das eigene enge kirchenpolitische Bild passen. Getreu dem Motto: Was interessiert es die geweihten Häupter im Zentrum der Weltkirche, was die einfachen Gläubigen denken? Dabei bemerkt schon die Konstitution "Lumen Gentium" (1964) eindeutig: "Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben, kann im Glauben nicht irren."

Im Sinne eines guten Hirten auf die Stimme der Herde zu hören, steht Kardinälen und Bischöfen daher besser zu Gesicht als die Ergebnisse als "Ausgießung des guten Willens des New Ages" abzuwatschen. Gewiss kann man das sehr formale Prozedere, die abstrakten Fragestellungen oder andere Umsetzungen des weltweiten synodalen Prozesses kritisch sehen. Fakt ist aber, dass der Prozess eine der größten Mitgliederbefragungen in der Geschichte der Kirche ist. Das Arbeitspapier selbst spricht von einem "vortrefflichen theologischen Schatz", denn es zeigt die vielfältigen Arten des Glaubenslebens des Volkes Gottes, das die Stimme des Heiligen Geistes gehört hat.

Das sollten sich gerade auch die Bischöfe ins Bewusstsein rufen, die bei den kommenden kontinentalen Treffen über das Arbeitsdokument beraten und damit die Grundlage für die Weltsynode in Rom legen. Nur so kann der "Glaubenssinn der Gläubigen" auch tatsächlich in lehramtliche Änderungen gegossen werden – und damit den Weg für weitere Teilhabe freimachen.

Von Christoph Brüwer

Der Autor

Christoph Brüwer ist Redakteur bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.