Standpunkt

Wenn eine ökumenische Notgemeinschaft die katholische Messe rettet

Veröffentlicht am 22.03.2023 um 00:01 Uhr – Von Andreas Püttmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Als Andreas Püttmann am Sonntagmorgen in der Messe saß, kam kein Priester. Spontan hielten deshalb zwei anwesende Gläubige – ein evangelischer Pastor und ein katholischer Pastoralreferent – eine Wort-Gottes-Feier – bis der Priester doch noch kam ...

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Letzten Sonntag kam es zu einer denkwürdigen Liturgie in Sankt Sebastian Bonn: Zur Messe um 10.45 Uhr erschien der Priester nicht. Nach zehn Minuten Ratlosigkeit – einige Frustrierte gingen schon – fanden sich zwei privat zum Jahrgedächtnis gekommene auswärtige Gläubige bereit, spontan eine Wort-Gottes-Feier zu halten: einer evangelischer Pastor, einer katholischer Pastoralreferent. Der Protestant leitet fromm im Namen des dreifaltigen Gottes ein – und fügt hinzu, er habe sich nicht träumen lassen, diese schöne Kirche "mal übernehmen zu können". Lacher und Beifall in der Gemeinde.

Nach den Lesungen kommt der Priester hinten in die Kirche, verharrt unsicher an der letzten Bank und versucht sich, mit einer Frau flüsternd, ein Bild von der Lage zu machen. Im Altarraum hat man ihn offenbar erkannt, lässt ein Grinsen vermuten. Der Ritus läuft aber unbeirrt mit dem Evangelium weiter, das der Pastoralreferent vorträgt. Nun entschließt sich der Priester, durchs Seitenschiff in die Sakristei zu gehen. Kurz darauf kommt der Küster in den Altarraum, flüstert mit den Adhoc-Zelebranten.

Just nach den Fürbitten tritt der Priester im Messgewand vor den Altar. Er geht zum Ambo und erklärt, versehentlich zu einer anderen Kirche des Seelsorgebereichs gefahren zu sein. Als man ihn aufklärte, war es zu spät für 10.45 Uhr in Poppelsdorf. Nun sei erstmal ein Bußakt seinerseits fällig, sagt er, und dass er die eigens vorbereitete Predigt wegen der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr halte. Aber: Er könne dem Lauf der Dinge durchaus etwas abgewinnen. Eine Art ökumenischer Notgemeinschaft und Laienkompetenz hatten die peinliche Situation gerettet. Rheinisch: "Der liebe Gott tut nix als fügen!", und im kritischen Moment konnte doch die Eucharistie gefeiert werden.

Man mag die Episode als Schlaglicht auf wachsende Überforderung von immer weniger und älteren Priestern in immer größeren Seelsorgeeinheiten verstehen. Doch sie zauberte auch ein Lächeln in viele Gesichter, und ich dachte: "Deus semper maior", Gott ist immer größer – als unser Herz (1. Joh 3,20) und als manches Pochen auf korrekte Kirchenordnung. Bei allem Sinn für theologische Disziplin und amtliche Legitimität gilt es nie zu vergessen: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken" (Jes 55,8-9).

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.